Gespräch zwischen Gina Lee Felber und Erich Witschke

Aus dem Katalog zur Ausstellung Trinitatiskirche 1997

E.W.

Frau Felber, wie sind Sie zu der Rauminstallation in der Trinitatiskirche gekommen?

G.L.F.

Als erstes wird man natürlich von der immensen architektonischen Wirkung des Raumes beeindruckt. Meine Frage zunächst war, wie gelingt es mir, mein inhaltlich noch rohes Gedankengebilde gerade durch den Raum noch zu steigern. Also, wie kann man die vorgegebenen Bedingungen am stringentesten für die eigene künstlerische Aussagen nutzen. Das ist sicher bei jeder Rauminstallation der entscheidende Anstoß. Hier spielte die Symmetrie eine große Rolle; die Einfriedung des Raumes durch den Säulengang, um zum zentralen Kern, der Apsis, zu gelangen. Auch die Stimmung des Raumes und vieles mehr waren Ansatzpunkte zu „Hüllen“. Inhaltlich habe ich mich bei dieser Arbeit mit dem Thema des Verrinnens und Vernarbens von Zeit beschäftigt, was ja immer auch einen Aspekt von Melancholie und Bedauern in sich birgt. Der Mantel symbolisiert das für mich mit am treffendsten. Man denkt an ihn als Schutz vor Kälte oder Blicken, aber auch an all die Zeremonien – sei es bei Krönungen, beim Militär oder im religiösen Ritus usw, – wo ihm eine große Bedeutung beigemessen wird.

In meinem Video fallen Mäntel. Verlangsamt, schwebend, in einen undefinierten Raum. Eine geschmeidige Beweglichkeit, eine Ahnung von etwas ganz anderem als Mantel, eine zusätzliche Begrifflichkeit stellt sich ein. Man  könnte sagen, ich habe eine „Transformation“ eines zweckbestimmten uns allen bekannten Gegenstandes versucht, die uns die Möglichkeit gibt, all die anderen verborgenen Assoziationen und Projektionsebenen mit einzubeziehen. Diese, sagen wir, qualitative Aufladung ist dann allerdings schwer zu beschreiben – und wenn es tatsächlich möglich wäre, hätte sie eigentlich ihren Sinn verloren.

E.W.

Sie kommen von der Malerei. Wie hat sich Ihr künstlerischer Werdegang von der Photographie bis hin zu Skulptur/Installation vollzogen?

G.L.F.

Für Malerei und Literatur habe ich mich immer leidenschaftlich interessiert, schon als Jugendliche. Ich habe dann Anfang der 80er Jahre in Köln an der ehemaligen Werkkunstschule mit dem Studium der Malerei angefangen. Im Rahmen meines Studiums und im Kontakt zu anderen Künstlern begann ich dort auch mit anderen Medien zu experimentieren, z.B. mit inszenierter Photographie. Während des Arbeitsprozess habe ich dann erkannt, daß ich eine größere Authentizität meiner Bildwelten mittels Kamera formulieren konnte. So bin ich von der Malerei zu meinen Photoarbeiten und durch diese wiederum zu meinen Objekten/Rauminstallationen gekommen. Und letztlich hat mich dieser Weg auch wieder zu Bildern, in Gestalt meiner neuen schwarzen Zeichnungen, zurückgeführt.

E.W.

Ich möchte Sie fragen, was sie an der Kunst interessiert.

G.L.F.

Wenn man das so ohne weiteres erklären könnte, wäre sie vielleicht nicht so faszinierend. Es gibt sicherlich viele Aspekte, die hier eine Rolle spielen. Neugierde zum Beispiel. Spielerische Neugierde. Mitteilungen jenseits der täglichen Realität. Gedanken, die völlig hemmungslos und keinen Regeln unterworfen sind. Ein sich Herantasten an eine Ahnung, in der Gewißheit, daß sie nur durch mich wirklich werden kann. Und ganz entscheidend, die individuelle Möglichkeit, eine dadurch einmalige Sicht der Dinge erzeugen zu können. Formulierungen zu finden auf Fragen, die keiner stellt, und die unsere materiell orientierte Welt wahrscheinlich überhaupt nicht braucht. Kunst als die Möglichkeit, sich einlassen zu können; auf eine Farbe, ein Geräusch, eine Idee – auf ein Wagnis schlechthin. Vielleicht interessiert mich deshalb Erläuterungskunst so wenig, weil die Aha-Effekte so bewußt mit eingebaut werden. Kunst ist für mich auch ein Sublimat unserer Kommunikation, die Existenz annehmbar macht. Oder sagen wir, Kunst interessiert mich, wenn sie nicht ein Beipackzettel zu einem Medikament ist, sondern das Medikament selbst.

E.W.

Für Sie ist also Authentizität von Werk und Person ein wichtiges Kriterium?

G.L.F.

Ja. Für meinen Kunstansatz ist es notwendig, mich als geistigen und ausführenden Verfasser zu sehen. Was aber nicht heißt, daß ich mich nicht mit anderen künstlerischen Positionen auseinandersetze oder sie goutieren kann.

E.W.

Ihre Kunst gilt als geheimnisvoll-undefinierbar, filigran-verspielt, bizarr-morbide und doch zugleich poetisch und schön.

G.L.F.

Und das auf die verschiedenen Medien bezogen! Mir wird schwindelig. Aber ernsthaft, ich sehe diese Kategorisierungen mehr als ein Problem der Kunstvermittlung. Man sollte ein Kunstwerk zunächst auf sich wirken lassen, und die Schubladen, wenn überhaupt, erst später öffnen. Hinsichtlich meiner Arbeit würde ich sagen, daß sie einen Denkraum bietet, der ganz unterschiedlichen Assoziationsmöglichkeiten bewußt offen läßt.

E.W.

Ihre Kunst ist nicht bedeutungsschwanger und hat keinen Verweisungscharakter?

G.L.F.

Wie ich schon sagte, mir persönlich bedeutet Verweisungs-bzw. Erläuterungskunst sehr wenig. Ich will keine moralisch ethische Aussage liefern, auch nicht versteckt. Das funktioniert über Literatur oder Film doch viel besser. Ich mache ein Angebot, zeige etwas von meiner Weltsicht – das zu entschlüsseln, liegt am Betrachter und letztlich auch an dessen Erfahrung mit sich selbst und dem Leben an sich. Das heißt, im günstigsten Falle entwickelt sich eine Beziehung zwischen Kunstwerk und Betrachter, die über ein bloßes Ansehen hinausführt und dadurch Denkanstöße anregt, die dann für ihn evtl. auch erkenntnisfördernd sein können.

E.W.

Sind Ihre Tischskulpturen, von denen einige auch auf der Empore in der Trinitatiskirche zu sehen waren, denn so etwas wie „Weltguckkästen“, also so etwas wie eine Möglichkeit Welt zu sehen?

G.L.F.

Sagen wir, ich versuche einen archetypischen Ausschnitt von der Welt zu formulieren, der in seiner Kleinheit gleichzeitig etwas über die Größe auszusagen vermag. Der Außenkörper der Skulptur,  meist aus Glas, schützt und bietet doch keinen Schutz vor der Einsicht. Der Innenkörper, einer scheinbaren Ordnung unterworfen, wirkt wie ein fremdartiger Organismus, mit Schläuchen, Kabeln, Verklumpungen und Verkrustungen, der komplexe technoide Zusammenhänge vorgibt, die er letztlich nicht einlösen kann. Das könnte man, auf Ihre Frage bezogen, auch auf unsere heutige Welt übertragen, in der wir immer mehr zu Benutzern geworden sind, ohne die technischen Entwicklungen im Einzelnen noch nachvollziehen zu können.

E.W.

Ihre Position ist letztlich keine avantgardistische?

G.L.F.

Heutzutage Positionen zu bestimmen, die man avantgardistisch nennen könnte, ist wahrscheinlich überhaupt nicht mehr möglich. Das hat sicher auch mit der Globalisierung der Welt und Vielfalt der unterschiedlichen Kunstrichtungen zu tun. Es gibt nicht mehr die Kunst sondern die Künste – und viele Versuche der Postulierung von avantgardistischen Kunstverweisen durch die Kunstvermittler sind ja – man denke nur an die Trends der Postmodernen – völlig schiefgegangen. Man spricht heute mehr von Moden oder Trends. Aber was ist modern, in einer Zeit, in der sich die Moden immer schneller ablösen? Für mich ist Kunst nicht die Suche nach der zeitimmanentesten Ausdrucksform, sondern nach individuellen, inhaltlichen und formalen Äußerungen, die sich natürlich auch in der Reflexion unserer heutigen Wahrnehmung von Existenz abspielen.